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Rezidivierende depressive Störung


Depressionen, gleich ob es sich um mehr schleichende und chronisch verlaufende Erkrankungsformen oder um eine sogenannte
Rezidivierende depressive Störung handelt, stellen die häufigsten psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung dar. Die Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) gibt in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) eine Übersicht über die Häufigkeit von Depressionen. Demnach leiden mehr als 10 % der Gesamtbevölkerung an depressiven Störungen. Die Zahl schwerer und damit unbedingt behandlungsbedürftiger depressiver Erkrankungen wird mit 2 - 7 % angegeben. Die Lebenszeitprävalenz, d. h., dass Risiko eines Menschen im Laufe seiner Lebensspanne, zumindest einmal an einer Depression zu erkranken, wird mit 7 - 18 % beziffert.  

Depressive Episode: Um von einer depressiven Episode sprechen zu können, muss die depressive Symptomatik mindestens 2 Wochen lang anhaltend bestehen. Depressive Episoden können von unterschiedlicher Schwere sein. Die Verlaufsdauer ist variabel. Im statistischen Mittel ist allerdings von einer abgrenzbaren Phasendauer von 4 bis 6 Monaten auszugehen. In etwa 15% der Fälle kann die Phase einen protrahierten Verlauf nehmen und zum Teil deutlich über ein Jahr betragen. Depressive Episoden können praktisch in jedem Lebensalter erstmals auftreten. Die größte Häufung von Ersterkankungen findet sich jedoch im jungen Erwachsenenalter. Die Chance der Remission, d. h. des vollständigen Wiederabklingens der depressiven Symptomatik ist gut. In ca. 1/3 der Fälle bleibt jedoch unbehandelt nach Abklingen der Episode eine depressive Restsymptomatik zurück. In ca. 50 bis 75% aller Fälle bleibt es nicht bei einer einmaligen depressive n Erkrankung.  

Von einer rezidivierende n depressive n Störung spricht man dann, wenn mehrere abgrenzbare depressive Episoden in der Biografie eines Menschen auftreten. Bei einer rezidivierende n depressive n Störung treten im statistischen Mittel die einzelnen depressiven Episoden im Abstand von etwa 5 Jahren auf. Eine Sub-Gruppe der Patienten, die an einer rezidivierende n depressive n Störung erkrankt sind, leiden an gehäuften depressiven Phasen. Treten mindestens vier klar abgrenzbare Phasen binnen 12 Monaten auf, so spricht man von einem Rapid-Cycling-Syndrom. Bei einer rezidivierende n depressive n Störung ist nach Abklingen der jeweiligen Krankheitsphase in der Regel von einer vollständigen Gesundung auszugehen. In 20 % aller Fälle allerdings kann eine rezidivierende depressive Störung einen chronischen Verlauf nehmen.  

Typische Symptome einer rezidivierende n depressive n Störung in der jeweiligen Krankheitsphase  

Psychische Symptome

  •      Gefühle: Die Stimmung ist unglücklich, niedergeschlagen, bedrückt, verzweifelt und resigniert. Es kann sein, dass Jemand bei jeder Kleinigkeit in Tränen ausbricht oder aber, dass er sich tief bedrückt und verzweifelt erlebt, aber geradezu daran leidet, nicht weinen zu können. Die Bandbreite normalen emotionalen Erlebens ist stark eingeschränkt. Ein stark depressiver Mensch kann sich über positive Ereignisse nicht freuen. Vielleicht kann er solches nicht einmal mehr wahrnehmen. Viele depressive Menschen beschreiben ein „Gefühl der Gefühllosigkeit“. Sie leiden daran, keine Gefühle der Liebe mehr empfinden zu können und äußern, dass alles leer, stumpf und abgetötet sei. Sie sprechen von einem „Erkalten über Gefühle“ oder einer „seelischen Mauer“, die sie umgibt.

  •      Energie/Antrieb: Depressive Menschen leiden daran, sich nicht aufraffen zu können, etwas zu tun. Der Wille zu Aktivitäten kann durchaus vorhanden sein, aber der Betreffende erlebt sich in hohem Maße lustlos, antriebslos, schwach und kraftlos, ohne Schwung und ohne Initiative. Er kann sich nicht aufraffen. Der „innere Schweinehund“ wird unüberwindbar groß. Manche Menschen beschreiben es als ein Gefühl, „als ob eine unsichtbare Macht einem von jeglicher Aktivität fern hält“. Entgegen dieser depressiven Hemmung, die zumindest bei schweren Depressionen auch für die Umgebung sichtbar wird, erleben viele Menschen eine starke innere Unruhe. Sie sind nervös, gestresst, gehetzt und getrieben, „wie unter Strom“. Als Versuch, die depressive Hemmung mit Willensanstrengung zu überwinden, kommt es oft zu einem hektischen Beschäftigungsdrang. Vieles wird angefangen, jedoch ohne die Tätigkeit zu einem sinnvollen Ende führen zu können.

  •      Aufmerksamkeit/Konzentration: Die Konzentration ist meistens beeinträchtigt. Eine längere konzentrierte Beschäftigung mit einer Sache wird unmöglich. Das Denken ist gehemmt, die Merkfähigkeit eingeschränkt. Die Aufmerksamkeit wird zunehmend von der Umgebung (private oder berufliche Angelegenheiten) abgezogen. Sie engt sich immer mehr auf die depressive Symptomatik ein. Es wird zunehmend schwer, sich mit mehreren Dingen gleichzeitig zu beschäftigen, man erlebt sich selbst als abwesend, mit den Gedanken woanders.

  •      Denken: Typisch für Depressionen ist das grüblerische Denken. Die Gedanken drehen sich im Kreis, die immer gleichen Denkinhalte drängen sich auf. Man kommt zu keinem Ergebnis. Dabei zermürbt das depressive Denken. Es kommt zu einer Überbewertung früherer oder aktueller Ereignisse mit dem Resultat eines schlechten Gewissens. Vielleicht werden kleinere Verfehlungen aus der Vergangenheit gegenwärtig, mit der Tendenz, sich ständig vor sich selbst rechtfertigen zu müssen. Die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, ist stark herabgesetzt. Bei einer schweren Depression kann Jemand auch bei einer banalen Fragestellung in ein grüblerisches Abwägen geraten, sich hin- und hergerissen fühlen, unfähig, zu einer Entscheidung zu gelangen.

  •      Selbstwert: In einer Depression erscheint der Betroffene sehr dünnhäutig. Er ist sehr sensibel gegenüber Kritik und fühlt sich rasch angegriffen. Er neigt unter Umständen dazu, Schuldgefühle zu entwickeln, auch dort, wo es nicht um eigenes Verschulden geht. Das Selbstwertgefühl ist insgesamt deutlich herabgesetzt. Schwer depressive Menschen erleben sich nicht selten als eine Last für ihre Umgebung und entwickeln lebensmüde Gedanken. Dies kann beginnen mit den unspezifischen Gedanken, das alles nicht mehr aushalten zu können, nicht mehr aufwachen zu wollen. Nicht selten tauchen konkrete Suizidgedanken oder -pläne auf. Ca. 50 % aller tödlich verlaufenden Selbstmordversuche werden im Rahmen depressiver Erkrankungen begangen.

  •      Zwischenmenschlicher und beruflicher Bereich: Das Interesse an Hobbys geht verloren. Es fällt zunehmend schwer, Kontakte aufrechtzuerhalten. Der depressive Mensch tritt einen Rückzug an, igelt sich ein, sagt häufig unter Vorwänden Verabredungen ab. Es fällt schwer, neue Kontakte zu knüpfen. Weil man sich nicht traut seinen Freunden mitzuteilen an einer Depression zu leiden, verstehen diese die eigenen Reaktionen oft falsch und wenden sich aus Ärger ab. An der Arbeit entsteht zunächst ein Gefühl permanenter Überforderung. Arbeiten dauern länger als sonst. Schließlich kommt es auch zu einem objektivierbaren Leistungsabfall. Das Arbeitspensum wird nicht geschafft. Nicht selten nimmt man Akten mit in den Feierabend, ins Wochenende oder in den Urlaub. Hierdurch beschleunigt sich zumeist die Abwärtsspirale depressiven Erlebens, da Regenerationszeiten zunehmend fehlen.

Körperliche Symptome:

  •      Schlafstörungen: Einschlafstörungen können auftreten, sind insgesamt aber weniger typisch als Durchschlafstörungen, die fast bei keiner Depression fehlen. Auf dem Höhepunkt einer schweren Depression erwacht Jemand manchmal nach ein oder zwei Stunden bereits wieder und kann für längere Zeit nicht einschlafen. Oder aber der Schlaf bleibt ab dem ersten Erwachen oberflächlich und ist durch viele Wachphasen gestört. Gehäufte Albträume können auftreten. Morgens fühlt man sich wie gerädert, so, als habe man überhaupt nicht geschlafen.

  •      Appetit: Schwere Depressionen gehen häufig mit einer Appetitlosigkeit und starkem Gewichtsverlust einher, sodass die Betreffenden nicht selten befürchten, an einem Tumor erkrankt zu sein. In anderen Fällen kommt es zu Heißhunger und folglich zu einer Gewichtszunahme.

  •      Kopfdruck: Typisch für Depressionen ist ein diffuser Druck im ganzen Kopf. Es handelt sich nicht im eigentlichen Sinne um einen Kopfschmerz, bei dem es irgendwo pocht, sticht oder hämmert. Depressive Menschen beschreiben diesen Kopfdruck oft als ein Gefühl, ständig einen Helm zu tragen oder so, als sei der Schädel ständig leicht in einen Schraubstock eingespannt.

  •      Atmung: Enge im Brustkorb, Druck auf der Brust, flache Atmung, schweres Atmen und Keuchen.

  •      Herzbeschwerden: Herzklopfen, Herzrasen. Stechen und Brennen in der Herzgegend, Druckgefühl hinter dem Brustbein.

  •      Kreislauf/vegetatives Nervensystem: Hitzewallungen und Kälteschauern. Zittern. Leichtes Erröten. Kalte Hände und Füße. Temperaturüberempfindlichkeit. Blutdruckschwankungen bzw. ständig erhöhter Blutdruck. Schwindel, weiche Knie.

  •      Magen-Darm-Trakt: Übelkeit, Brechreiz und Erbrechen. Häufige Blähungen. Sodbrennen. Magendruck. Häufig Verstopfung, seltener Durchfall.

Die Diagnosestellung einer rezidivierende n depressive n Störung geschieht nach einer internationalen Klassifikation Psychischer Störungen (ICD 10). Hier wird unterschieden nach Hauptsymptomen und Zusatzsymptomen. Anhand der Anzahl vorhandener Haupt- und Zusatzsymptomen ergibt sich auch der Schweregrad einer Depression. Etwas vereinfachend kann gesagt werden, dass bei einer leichten Depression das Leiden eines Menschen sozial und beruflich oft noch kompensiert ist und dieser Mensch unter großen Anstrengungen seinen sozialen Verpflichtungen noch nachkommen kann. Bereits bei einer mittelschweren Depression ist die Funktionsfähigkeit, z. B. im Beruf, zumindest stellenweise beeinträchtigt. Bei einer schweren Depression hingegen ist die krankheitsbedingte Beeinträchtigung derart hoch, dass ein Mensch im Allgemeinen seinen sozialen und beruflichen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann.  

Behandlung der rezidivierende n depressiven Störung:

In der Fachliteratur herrscht weitgehend Einvernehmen darüber, dass psychotherapeutische und psychopharmakologische Behandlungsansätze die wesentlichen Prinzipien der Behandlung einer rezidivierende n depressive n Störung darstellen.  

Jede Behandlung setzt eine gezielte Diagnostik voraus. Es reicht in keinem Fall aus, lediglich festzustellen, dass ein Mensch depressiv erkrankt ist. Die genaue initiale Diagnostik ist wichtig wegen der zuvor dargelegten vielfältigen Ursachen und unterschiedlichen Verlaufsformen von Depressionen. Zur Diagnostik gehören immer auch eine körperliche Untersuchung und eine medizinische Anamneseerhebung. Des Weiteren gehört zur Diagnostik die Identifizierung von individuell prädisponierenden, vorausgehenden und aufrechterhaltenden Krankheitsfaktoren. Schließlich soll die Diagnostik nicht alleine Aufschluss darüber liefern, an welcher Art von Depression ein Mensch leidet. Es geht vor allem auch darum, möglichst genau zu erfassen, wie das depressive Erleben sich in den konkreten Lebensbezügen eines Menschen (Beruf, Familie, Freizeit) auswirkt.  

Psychotherapeutische Behandlungsansätze stehen bei einer rezidivierende n depressive n Störung dann im Vordergrund, wenn Krankheitsphasen in größeren Intervallen auftreten, die einzelnen depressive n Episoden eher leichter oder allenfalls mittelschwerer Natur sind und wenn psychosoziale Faktoren einen offensichtlichen Einfluss haben auf die Entstehung bzw. Aufrechterhaltung depressiver Phasen.

Eine begleitende psychopharmakologische Behandlung wird stets durchzuführen sein, wenn die momentane Krankheitsphase als mittelschwer oder gar schwer einzustufen ist. Gehäufte Krankheitsphasen (zumindest drei in den vergangenen 5 Jahren) stellen praktisch immer eine Indikation zu einer phasenprophylaktischen Behandlung der rezidivierende n depressive n Störungen dar. Dies gilt insbesondere dann, wenn die einzelnen Krankheitsphasen schwer ausgeprägt waren oder in besonderer Weise kompliziert, z. B. durch ernsthafte Suizidalität. Sind in der Vergangenheit ausschließlich depressive Phasen aufgetreten, so wird im Regelfall die Phasenprophylaxe mit dem Antidepressivum durchgeführt, das sich in der akuten Krankheitsphase als wirksam erwiesen hat. Die Medikamentendosis zur Phasenprophylaxe wird im symptomfreien Intervall dann allerdings deutlich reduziert werden.

Die psychotherapeutische Behandlung einer rezidivierende n depressive n Störung unterscheidet sich zum einen durch die Akutheit des Krankheitsgeschehens (akute Phase oder symptomfreies Intervall) und zum anderen durch die Art des angewandten Therapieverfahrens (tiefenpsychologische Psychotherapie, Verhaltenstherapie). Methodenunabhängig gilt die Regel, dass bei akuten Krankheitsphasen die psychotherapeutische Haltung der eines Arztes bei einer ernsthaften körperlichen Erkrankung ähnelt. Der Behandler wird in angemessener Weise informieren, beraten, Hoffnung auf Besserung zusprechen und eine geeignete Medikation einleiten. Zudem wird der Behandler in dieser Phase dem erhöhten Suizidrisiko durch Veranlassung geeigneter Maßnahmen (regelmäßige Kontakte, Überwachung) Rechnung tragen.  

In der Behandlung akut depressiver Patienten sind aufgrund klinischer und wissenschaftlicher Erfahrungen folgende allgemeine Grundsätze zu beachten:

·    Therapeuten sind problemorientiert, strukturiert, konkret aktiv und ggf. auch direktiv. Ausführliche Erklärungen des Krankheitsbildes und der Einflussfaktoren werden gegeben.

·    Die Psychotherapie wird aus dem Erklärungsmodell abgeleitet und erklärt.

·    Es werden klare Zielsetzungen formuliert, die für den Patienten transparent und nachvollziehbar sind.

·    Die Lösung aktueller Probleme steht im Vordergrund. Fokussiert wird auf die Alltagsbewältigung.

·    Das therapeutische Vorgehen ist gestuft, um den Patienten in seiner depressive n Einengung nicht zu überfordern.  

Außerhalb akuter Krankheitsphasen stellt die psychotherapeutische Behandlung einer rezidivierende n depressive n Störung jetzt größere Anforderungen an den Patienten. In einer Psychotherapie geht es darum, gemeinsam mit dem Patienten zu erarbeiten, welche Bedingungen in seinem individuellen Fall zur Auslösung  bzw. Aufrechterhaltung der jetzigen und früherer depressiver Phasen geführt haben. Hier unterscheiden sich Verhaltenstherapie und tiefenpsychologische Therapieverfahren in ihren Grundannahmen und der Behandlungsführung.  

In der Verhaltenstherapie geht es weniger darum, in der Vergangenheit liegende Ursachen für eine Depression aufzudecken. Vielmehr wird versucht, ungünstige Verhaltensmuster und Denkgewohnheiten, deren sich die Patienten meist gar nicht bewusst sind, zu identifizieren. Unter Anleitung des Psychotherapeuten lernt der Patient dann, andere, günstigere Verhaltensweisen zu entwickeln und einzuüben. So kann sehr kleinschrittig beispielsweise versucht werden, einen Patienten anzuregen, seinen sozialen Rückzug ein wenig aufzugeben und wieder unter Menschen zu gehen, seine Arbeit wieder aufzunehmen oder in angemessener Abstufung alltägliche Verrichtungen wieder zu bewältigen. Depressive Selbstzweifel, Selbstanklagen und negative Ansichten über andere Menschen und über sich selbst werden eingehend besprochen. Mit Hilfe des Therapeuten kann der Patient so allmählich lernen, seine negative (depressive) Sicht der Dinge gegen eine neutralere oder positivere Haltung einzutauschen.  

Tiefenpsychologische Therapieansätze gehen zwar auch davon aus, dass Lernvorgänge in der Depressionsentstehung eine Rolle spielen. Sie messen diesen aber eine etwas geringere Bedeutung bei. Als zentral werden hier bestimmte Konflikte früherer Lebensphasen angesehen, die nicht angemessen bewältigt werden konnten und jetzt im Erwachsenenleben eine krank machende Wirkung entfalten. Im therapeutischen Gespräch wird die depressionsauslösende Konfliktsituation identifiziert. Dabei geht es nicht alleine um eine äußere, sozusagen objektivierende Beschreibung der Konfliktsituation, sondern vor allem darum zu erhellen, wie die betroffene Person subjektiv auf ihrem persönlichen Lebenshintergrund die Situation erlebt hat. Oft ermöglicht erst das Verständnis lebensgeschichtlich prägender Konfliktsituationen, die gefühlsmäßige Dimension des Aktualkonfliktes angemessen zu verstehen.  

Beispiel: Ein 47-jähriger Angestellter kommt mit den Symptomen einer mittelgradigen Depression in eine Rehabilitationsklinik. Die Anamneseerhebung zeigt, dass es sich jetzt um bislang dritte abgrenzbare depressive Episode im Rahmen einer rezidivierende n depressive n Störung handelt. Der Patient berichtet, dass die depressive Symptomatik mit nur kurzer Verzögerung aufgetreten sei, nachdem sein Abteilungsleiter ihm den schon lange zuvor besprochenen Urlaub aus betrieblichen Gründen gestrichen habe. Der pflichtbewusste und ehrgeizige Mitarbeiter verzichtete auf den Urlaub, entwickelte aber nach kurzer Zeit bereits Schlafstörungen und dann das Vollbild einer Depression. Der aktuelle Konflikt ist unschwer zu identifizieren. Es geht um einen Widerstreit zwischen Wünschen nach Ruhe, Erholung und Urlaub auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem Pflichtgefühl, seiner Arbeit nachzukommen und für Interessen der Firma einzutreten.  

Allein die Betrachtung des aktuellen Konfliktes vermag allerdings nicht zu erklären, warum dieser Mitarbeiter eine Depression entwickelt. Das vertiefte Gespräch zeigt, dass der Mitarbeiter durchaus Verständnis für die betriebliche Situation aufzubringen vermag. Er sieht ein, dass nicht alle Mitarbeiter in Urlaub gehen können, weil ein großes und wichtiges Projekt abgeschlossen werden muss. Er empfindet allerdings die Tatsache, dass sein Urlaub gestrichen wurde, als willkürlich und schikanös. Die erweiterte Anamneseerhebung unter tiefenpsychologischen Gesichtspunkten erbringt schließlich wichtige Hinweise auf biografisch bedeutsame Konflikte des Patienten mit seinem Vater. Dieser wurde als manchmal willkürlich strafend und schikanös erlebt. So habe sich der Patient bereits in frühen Jahren abgewöhnt, sich allzu offen auf etwas zu freuen, weil ihm sein Vater durch Verbote dann massiv einen Strich durch die Rechnung gemacht habe. Er habe die Verbote nicht eingesehen. Rebellion sei aber zwecklos gewesen. Schließlich habe er sich in sein Schicksal gefügt und resigniert. Erst auf diesem Verständnishintergrund wird verstehbar, dass die sachlich begründete Verschiebung eines Urlaubes auf subjektivem Bedeutungshintergrund gleichgesetzt wurde mit Willkür und Schikanierung. Massive Gefühle von Enttäuschung, Kränkung, Ärger und Wut waren dem Patienten in der aktuellen beruflichen Konfliktsituation nicht bewusstseinsfähig. Sie blieben verdrängt und erfuhren eine „Wendung gegen das eigene Selbst“ in Form depressiver Symptombildung. Die tiefenpsychologischen Therapieverfahren gehen davon aus, das der Patient eine wesentliche Hilfe dadurch erfährt, dass er mit seinen abgewehrten Gefühlen wieder in Berührung kommt. Hierdurch erweitert sich das Spektrum emotionaler Reaktionsmöglichkeiten. Der Patient kann durch die größere Vielfalt ihm zur Verfügung stehender Emotionen soziale Situationen besser meistern, Konfliktspannungen besser ertragen, was beides zu einer (antidepressiven) Selbstwertsteigerung führt.  

Die Behandlung einer rezidivierende n depressive n Störung in der Hardtwalklinik II  

Die  Hardtwaldklinik II ist eine psychotherapeutisch/psychosomatische Rehabilitationsklinik mit 25-jähriger Tradition. Pro Jahr werden etwa 2000 Patienten im Rahmen durchschnittlich 6-wöchiger Heilverfahren behandelt. In den vergangenen Jahren machten verschiedene Formen depressiver Erkrankungen jeweils knapp mehr als 50 % der Zuweisungsdiagnosen aus. Nimmt man alle von uns gestellten Diagnosen zusammen, so leiden etwas mehr als 2/3 aller Patienten unserer Klinik an depressive n Störungen. Etwa 250 bis 300 Patienten wurden in den vergangenen Jahren jeweils unter der Diagnose einer rezidivierende n depressive n Störung unterschiedlichen Schweregrades in der Hardtwaldklinik II behandelt.  

Eine rezidivierende depressive Störung ist generell in der Hardtwaldklinik II behandelbar, so fern nicht:

-    ursächlich eine körperliche Erkrankung zugrunde liegt, die einer stationären Krankenhausbehandlung in einem anderen Fachgebiet bedarf.

-    schwere Selbstmordgedanken vorliegen, die zur Handlungsausführung drängen, was eine intensive Überwachung erforderlich macht.

-    die Depression so stark ausgeprägt ist, dass ein Erkrankter nicht mehr in der Lage ist, selbstständig basale Alltagsverrichtungen (Aufstehen, Körperpflege, Nahrungszufuhr etc.) zu bewerkstelligen oder die Konzentration nicht ausreicht, um psychotherapeutische Gespräche gewinnbringend zu führen.  

Nach Aufnahme wird eine eingehende medizinische und psychotherapeutische Diagnostik durchgeführt. Diese umfasst eine eingehende körperliche Aufnahmeuntersuchung (vor allem internistischer und neurologischer Status), ein Laborscreening, eine ausführliche krankheitsbezogene und biografische Anamnese, die Erstellung eines psychischen Befundes und einer Verhaltensanalyse bzw. psychodynamischer Hypothesen zur Krankheitsentstehung. Ggf. kommen testpsychologische Untersuchungen zur Anwendung.  

Wesentliches Merkmal einer stationären psychotherapeutischen Behandlung ist zunächst einmal die Entlastung von häuslichen und beruflichen Verpflichtungen. Erst in einer solchen Entlastung kann bei schwer depressiven Menschen eine wirksame Psychotherapie in Gang kommen. Die psychotherapeutische Behandlung in der Hardtwaldklinik II ist im Regelfall immer eine Kombination aus hochfrequenter Gruppenpsychotherapie und begleitenden einzelpsychotherapeutischen Gesprächen. Bei der Gruppentherapie wechseln sich jeweils sprachliche Verfahren (analytisch-interaktionelle Therapie oder verhaltenstherapeutische Depressionsgruppe) ab mit einem Kreativverfahren (Gestaltungstherapie, konzentrative Bewegungstherapie oder Musiktherapie).  

Bei der Gruppentherapie depressiver Patienten sind nach unserer Erfahrung die von I. D. Yalom beschriebenen allgemeinen Wirkfaktoren einer Gruppentherapie von besonderer Bedeutung. Der depressive Patient wird in einer Therapiegruppe auf Gleichgesinnte und  damit auf Verständnis stoßen. Kontrastierend zu häuslichen oder betrieblichen Vorerfahrungen, demzufolge man ihm nicht glaubte, erkrankt zu sein, wirkt das Verständnis von Mitpatienten entlastend. Das Miterleben der Besserung der depressiven Symptomatik bei Mitpatienten wird Hoffnung vermitteln, die eigene Depression zu überwinden, ebenso wie die gehörten Berichte der Bewältigung früherer Krankheitsphasen. Die Gruppe bietet zudem Möglichkeiten, aus den gehörten Krankheitsberichten Eigenes wiederzuentdecken und mit Hilfe fremder Rückmeldungen die eigene Lebensgeschichte besser verstehen und  einordnen zu können. In der sozialen  Matrix der Gruppe können eigene ungünstige Verhaltensmuster erkannt werden. Zugleich stellt dies den Beginn dar, neuere und günstigere Techniken des mitmenschlichen Umgangs zu entwickeln. Insgesamt bietet die Gruppentherapie neben der Chance zum vertieften Verständnis der eigenen Depression die Möglichkeit zu korrigierenden emotionalen Erlebnissen.  

Wichtiger Bestandteil eines stationären  Heilverfahrens sind verschiedene Informations- und Vortragsveranstaltungen, die sich im engeren und weiteren Sinn mit Fragen der Depression und Depressionsbewältigung beschäftigen.

Von zentraler Bedeutung ist die Erläuterung von Frühsymptomen bei der rezidivierende n depressive n Störung. Der Patient soll in die Lage versetzt werden, als Experte in eigener Sache, Hinweise auf ein mögliches Rezidiv seiner Depression zu erkennen um frühzeitig geeignete Maßnahmen einleiten zu können. Es erfolgt eine individuelle Beratung darüber, ob und warum eine begleitende psychopharmakologische Behandlung als sinnvoll erachtet wird. Die Psychopharmakotherapie geschieht nach den Leitlinien der wissenschaftlichen Fachgesellschaften.

Obligatorisch ist das Erlernen der Grundzüge eines Entspannungsverfahrens. Gestufte sportliche Aktivitäten, Terrainwanderungen in freier Natur, Schwimmen (und Saunieren) stellen wichtige Angebote dar, den eigenen Körper wieder in positiver Weise zu erleben.

Ggf. wird ärztlicherseits eine Behandlung eingeleitet oder diese modifiziert.  

Ein wesentliches Augenmerk wird in unserer Klinik, unserem Grundverständnis als Rehabilitationseinrichtung folgend, auf die konkreten Auswirkungen einer Depression auf den privaten und beruflichen Alltag gelegt. In Zusammenarbeit mit Sozialpädagogen und kliniksexternen Rehabilitationsberatern ermitteln wir frühzeitig, ob nach der stationären Behandlung voraussichtlich noch ein Bedarf an weiteren Rehabilitationsmaßnahmen bestehen wird. Soweit möglich, werden solche Maßnahmen in der Klinik nicht nur vorbesprochen, sondern bereits eingeleitet.

Ihr Dr. med. Manfred Schäfer
Chefarzt der HWK II

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Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.

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Aktualisiert: Juli 2010

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